Der Hirte

Liebe Auerbacher und Eckersbacher Gemeindeglieder,

 

nun ist die Zeit gekommen, in der der Adventsstern seinen Auftritt hat. Er kündigt an, dass Großes geschieht! Und mit ihm ziehen die vielen kleinen und größeren Dinge in die Stuben und Schränke, die hierzulande im Weihnachtsland einfach dazugehören. Seit einigen Tagen steht nun eine kleine Figur im Schrank hinter meinem Schreibtisch. Sie ist noch nicht lange in meinen Händen, also für mich noch neu. Und sie ist doch schon 150 Jahre alt. Barfuß, aber mit Hut. In ihrer linken Hand hält sie eine große altmodische Flöte. Es ist ein Hirte, geschnitzt, schlicht und volkstümlich. Eine von ehemals vielen Figuren einer Krippendarstellung. Die Vorbilder dazu kamen aus Böhmen, wo sich die Nachgestaltung der Weihnachtsgeschichte mit unterschiedlichen Figuren großer Beliebtheit erfreute. Die erste Zeit stand der "Neue" noch allein. Mit der Zeit hat er seinen Platz gefunden; nicht gleich auf Anhieb, aber so nach und nach. Maria und Joseph hat er nicht ihren angestammten Platz streitig gemacht. Auch hat er sich nicht vermessen oder selbstgefällig unter die Weisen gemischt. Sein Platz ist bei den Schafen, zusammen mit dem alten Hirten, welcher halb auf dem Rücken liegend und mit einer Hand die Augen abschirmend, nach schräg oben blickt. Jener aber hat seine selbstvergnügte Beschäftigung unterbrochen. Mitten im Flötenspiel hat ihn etwas oder jemand aufgeschreckt. Ganz deutlich spürt man seine neue Aufmerksamkeit. Als Betrachter werde ich zum Augenzeugen einer neuen Situation. Der "Neue" ist aufgestanden, oder besser, er hat sich aufgerichtet, um nichts zu versäumen von dem, was gerade um ihn herum geschieht. Auch er hält eine Hand abschirmend über die Augen. Und doch scheint sein Blick zugleich in die Ferne zu gehen. Die beiden Hirten werden sich einigen müssen, wie es weitergeht. Dem "Alten" traue ich den riskanten Aufbruch nicht zu, die Herde allein zu lassen und Pflichten zu verletzen. Aber der "Neue" hat etwas Entscheidendes entdeckt. Gottes Wirklichkeit hat seine barfüßige Hirtenwelt berührt: "Euch ist heute der Heiland geboren!" Könnte ich doch mit seinen Augen sehen! Könnte ich doch mit seinen Ohren hören! Und ich frage mich, was der "Neue" in seinen 150 Jahren wohl alles gesehen hat und mit ansehen musste. Wie viele Erlebnisse kann er berichten, was würde er erzählen können, welche Erfahrungen hat er gemacht, welche durchstehen müssen? Andachtsvolle Augenblicke der Besinnung und Freude - mittendrin in zwei schreckenserregenden Weltkriegen. Dem Rechnung tragend, ist seine Erscheinung erstaunlich tadellos. Ob er vielleicht Jahre lang oder gar Jahrzehnte lang in einer Schachtel eingemottet blieb, weil die Menschen keine Verwendung mehr für ihn hatten und der Botschaft der Engel keinen Glauben mehr schenkten, ja Gott selbst für überholt hielten und ihn totschweigen wollten: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden.", von wegen!? Das alles weiß ich nicht. Aber ich weiß, der "Neue" wird gehen! Nach Bethlehem wird er sich aufmachen, seinen Heiland zu finden. Nun ist es höchste Zeit für Sie, sich auch auf den Weg zu machen zu Ihrem Bethlehem. Dort ist in jedem Fall ein Platz für Sie. Sie werden erwartet. Der Stern weist den Weg!

 

Segensreiche Tage wünschen Euch die Mitarbeitenden in Euren Kirchgemeinden und Euer Pfarrer Reinhard Stiehler.